Tagebuch einer Hausorgel


Oktober 2010


Die Abende werde allmählich länger, und ich verspüre häufiger die Stimmung, einfach etwas mehr üben zu wollen. Am Instrument in der Kirchengemeinde darf ich stets üben, wenn es nicht besetzt ist. Aber hin und wieder muss ich - wie wohl viele Organisten - zuhause am heimischen Klavier üben. Eine elektrische Orgel kommt für mich nicht in Frage - weder eine der sogenannten Heimorgeln noch eine elektronische Sakralorgel, die Ihre Töne synthetisch erzeugt.


Info
⇒ Hauptwerk
⇒ GrandOrgue
⇒ JOrgan

Es kommen also nur zwei Möglichkeiten in Betracht: Entweder baue ich mir eine echte Pfeifenorgel ins Wohnzimmer - oder ich arbeite mit einer Softwaresimulation und lasse mir die Töne einer echten Orgel von einem Computer abspielen. Ich entschied mich für das letztere Verfahren, denn der Platz für 30 Register reicht zwischen Sofa und Bücherregal nicht aus. So begann ich mit Planung und Bau eines Spieltisches.


Dazu benötige ich einen leistungsstarken Computer, viel Holz für den Spieltisch, mehrere Orgel-Manuale, Koppeln, eine Registersteuerung, eine Orgelbank und ein Pedal. Als Software recherchierte ich Hauptwerk und GrandOrgue.


Vom Ansatz her funktioniert das folgendermassen: Die Software kann über MIDI angesteuert werden und erhält beispielsweise den Befehl, das eingestrichene d abzuspielen. In einer Ton-Datenbank hat die Software diesen Ton als Originalaufnahme einer echten existierenden Pfeifenorgel. Und zwar für jedes Register einzeln aufgenommen. Ausserdem besteht jeder Ton eigentlich aus drei Tönen: nämlich den angeschlagenen Ton, einem Ton-Loop und einer weiteren Aufnahme des ausklingenden Tons. Erhält also Software den Befehl zum Abspielen, so spielt sich zunächst die Aufnahme mit den angeschlagenen Ton ab und schließt daran nahtlos die Loop-Aufnahme des Tons an. Sobald der MIDI-Befehl zum Abspielen beendet wird, schaltet die Software auf die Aufnahme des ausklingemnden Tons.


Wie viele Tonaufnahmen liegen in der Datenbank? Dazu nimmt man die Anzahl der Manuale der Urspungsorgel, multipliziert sich mit dem Tonumfang eines Manuals, addiert den Umfang Pedaltöne hinzu, multipliziert diese mit der Anzahl der Register und verdreifacht das Ergebnis für die oben beschriebenen drei Einzelaufnahmen der Tonbestandteile. Und all diese Töne legt der Rechner in seinem Arbeitsspeicher ab - dieser darf also nicht zu klein bemessen sein.


Zu Beginn miener Planung stand das Pedal. Dies erschien mir am schwierigsten für einen selbstbau, und so hielt ich Ausschau nach einem aus einer Kirchenorgel ausgeschlachteten Teil. Gestern sah ich in einem Auktionhaus im Internet ein Vollpedal, das zu meinem Vohaben vorzüglich paßte. Ich möchte übrigens jedem davon abreten, sich ein Pedal als Postpaket schicken zu lassen. Meins kam beschädigt an und machte es zu einem besonderen Sanierungsfall.



So ein Pedal benötigt nun zwei Dinge: zum einen eine Ausrüstung mit Midi (die sogenannte Midifizierung des Pedals), zum anderen eine Orgelbank.


Für die Midifizierung besorgte ich mit einen Bausatz. Er beinhaltet eine elektronische Schaltung, mit einer Vielzahl frei beschaltbarer Eingänge und einem Midi-Ausgang. Um die Eingänge zu Schalten befestigte ich Reedkontakte und Magnete an jeder Pedaltaste. Als etwas tricky erwies sich die Justage des richtigen Schaltpunktes.


Was die Orgelbank betrifft, so fand ich heraus, dass der Baumarkt um die Ecke einem fast beliebig viele gerade Schnitte in eine Arbeitsplatte sägt. Also zeichnete ich nach Anfertigung der Kontruktionspläne ein Schnittmuster und ließ mir eine Arbeitsplatte aus Buche in Einzelteile zersägen.


Mit dem midifizierten Pedal, der Orgelbank und einem elektrischen Klavier mit MIDI-Ausgang konnte ich erst mal eine Zeit lang üben.



Dezember 2011


Meine Minimal-Lösung stellt mich immer wieder vor neue Herausforderungen. Insbesondere das fehlende zweite Manual, vorallem aber das fehlerhafte Anschlaggefühl und die falsche Höhe des Manuals schränkten mich zunehmend ein.



Januar 2012


Schliesslich beschloss ich, nun meinen eigenen Spieltisch nach BDO-Norm zu bauen. Erfahrung im Umgang mit der Sample-Software hatte ich bereits hinreichend gesammelt. Und die BDO-Norm bezüglich der Baumasse besorgte ich mir von einem Orgelbauer. Also konstruierte ich wieder und fertigte diesmal gleich zwei Schnittmuster für zwei Arbeitsplatten aus Buche an, die ich mir erneut im Baumarkt zurechtsägen liess.


Zur selben Zeit waren zwei Orgel-Manuale des Herstellers Fatar, die ich mir übers Internet bestellte, unterwegs. Aus einer weiteren Quelle erhielt ich 3 MIDI-Controller für die Manuale mit Merger-Funktion sowie eine Reihe Bestandteile elektrischer Ausrüstung, wie Netzteile, Computer, Kabel, Schalter, Taster, Beleuchtungseinrichtungen, Sicherungsautomat und vieles mehr. Ausserdem benötigte ich eine reihe Werkzeuge für die Holzverarbeitung und -Veredelung, wie beispielsweise eine Oberfräse, verschiedene Bohrer und Lacke.



März 2012


Der Spieltisch ist zwischenzeitlich montiert, und ich habe endlich ein geeignetes Sample-Set gefunden. Ich entschied mich für die schwedische Bureå Church, dessen Töne Lars Palo in mühevoller Kleinarbeit digitalisierte. Sie kommt, was den Klang anbelangt, der Orgel am nächsten, auf der ich in der Kirchengemeinde spiele.


Sie hat vier Werke auf drei Manualen und Pedal, sowie Koppeln Pedal-Manual I, Pedal-Manual II, Pedal-Manual III, Manual I-II und II-III, Tremulant sowie einen Schweller und eine Setzeranlage.


Die Disposition lautet, wie folgt:


Hauptwerk (I)
(56 Noten, C-g3)
Pedal
(30 Noten, C-f1)
Brustwerk (III)
(56 Noten, C-g3)
Schwellwerk (II)
(56 Noten, C-g3)
       
Prinzipal 8' Subbass 16' Gedackt 8' Rohrflöte 8'
Gedackt 8' Prinzipal 8' Koppelflöte 4' Salicional 8'
Oktave 4' Gedackt 8' Rohrquinte 2 2/3' Prinzipal 4'
Rohrflöte 4' Oktava 4' Principal 2' Lochgedackt 4'
Oktave 2' Nachthorn 2' Oktave 1' Waldflöte 2'
Sesquialtera II-fach Rauschpfeife IV-fach Zimbel II-fach Terz 1 3/5'
Mixtur V-fach Badun 16' Krummhorn 8' Nasard 1 1/3'
Trompete 8' Trompete 4'   Septime 1 1/7'
      Scharff III-fach
      Schalmei 8'
      Tremulant


Für mich bedeutete das einen erheblichen Umbau meines Spieltischs. Dieser war für zwei Manuale ausgelegt und musste nun vollständig umgebau werden. Ausserdem musste Platz für weitere Registerzüge geschaffen und Schweller und Koppeln nachträglich installiert werden.



Juni 2012


Für die Registersteuerung waren zunächst elektrische Schalter-Wippen vorgesehen. Diese hatten sich jedoch in der Praxis als schwergängig und laut erwiesen, weshalb ich mir echte Registerzüge mit Manubrien aus Holz anfertigte. Dazu besorgte ich mir Rundhölzer und Schubladenknöpfe aus Buche. Anstelle der Emaille-Schildchen druckte ich mir die Beschriftung auf Hochglanz-Fotopapier und versiegelte den Druck anschließend mit einer selbstklebenden Folie.




Januar 2013


Die Manubrien betätigen in einer ersten Konstruktion noch echte elektrische Schalter, um die Midi-Befehle zu schalten. Allerdings übten die Schalter stetig Druck auf die Rundhözer aus, weshalb die Registerzüge schwergängig waren. Daher ersetzte ich zwischenzeitlich die Schalter gegen Reed-Kontakte und Magete. Die Bohrung, die den Regsiterzügen als Führung dient, habe ich mit Stoff ausgekleidet. Das Zug-Gefühl ist nun leicht saugend und angnehm.



Als nächstes werde ich die umgebauten Registerblöcke und die Setzersteuerung montieren und in Betrieb nehmen. Es gibt immer 'was zu tun..




Arbeitsstand Januar 2013 - noch ohne den fertiggestellten linken Registerblock und ohne Koppeln.

Februar 2013


All' die Jahre war ich der Annahme, ein Pedal einer alten Kirchenorgel erworben zu haben. Heute habe ich jedoch erfahren, dass mein Pedal aus einer 1962-er Dereux-Orgel stammt.

Zunächst war ich enttäuscht, kein Origianl aus einer Pfeifenorgel erstanden zu haben, bis ich hier nachgelesen habe, dass das Pedal eigentlich exellent zu meinem Projekt paßt. Die Dereux-Orgel war die erste Orgel, die mit Original-Samples echter Pfeifenorgeln arbeitete. Das Prinzip entspricht meiner Umsetzungsidee, nur auf analoger Basis.